|
Musikstudio Berger
Musikpädagoge Gitarrist Berater
|
|
|
III. LEICHTIGKEIT UND SCHWIERIGKEIT Bekanntlich soll die Technik nicht einen Zweck, sondern ein wirksames
Mittel darstellen, um zur Vollkommenheit der Kunst zu gelangen. Nicht alle Instrumente bieten die gleichen Schwierigkeiten;
die persönlichen Fähigkeiten, die sie überwinden sollen, finden sich nicht
in jedem Individuum gleichermaßen verteilt; nicht alle Schulen erzielen das
gleiche Ergebnis. Es gibt zwei voneinander unabhängige Arten von Leichtigkeit.
Die erste ist die leichte
Auffassungsgabe, die alle
auf das Instrument bezogenen Probleme musikalischer und künstlerischer Art zu
verstehen, zu behalten und weitläufig abzuleiten erlaubt. Daraus entsteht große
geistige Geschmeidigkeit. Die andere ist eine Leichtigkeit, die vor allem in den
physischen Anlagen der Hände wurzelt. Sie wird von einer gewissen Gehirndynamik
begleitet, einer Art sportlicher Befähigung, die wiederum vom Sinn für
Akrobatik abstammt. Verbunden mit Wagemut kann sie zur Vollbringung wahrer Großtaten
führen, wenn auch noch so wenig sonstige Geistesgaben dabei sind. Leider fallen
geistige und physische Leichtigkeit nicht immer zusammen. Wenn sie
zusammentreffen und durch ausgeprägte Liebe zur Kunst beflügelt werden,
tragen sie in starkem Maße dazu bei, die von aller Welt bewunderten Künstler
zu formen. In gleicher Weise bestehen zwei Arten von Technik: eine
gewandte und augenfällige, die nur
den Eindruck zu spielen erweckt. Die
andere ist bestimmt und wahrhaftig, und sie ist es, die
wirklich spielt. Die
Schwierigkeit der Gitarre, wie die jedes Instruments, hat einen physischen
Aspekt, der dem Fingermechanismus entspricht. Seine Grundlage ist für alle
Instrumente die gleiche. Zum anderen hat sie einen ihr eigenen geistigen
Gesichtspunkt, der in dem Maße zunimmt und sich verstärkt, in dem sich die
technischen Elemente vermehren und verfeinern. Einerseits vereint die Gitarre
zweifellos in inniger Weise den Klang der Harfe, die Ausdrucksfähigkeit der
Streichinstrumente und die polyphonischen Eigenschaften des Cembalos oder des
Klaviers. Andererseits aber bereitet sie die Unannehmlichkeit, ihre
Schwierigkeiten zu vervielfachen - zum größeren Verdienst des Spielers. Die wirkliche Schwierigkeit bei einem Instrument beginnt in dem
Augenblick, in dem wir es unserem Willen unterwerfen wollen. Sie vergrößert
oder vermindert sich entsprechend den Spielanforderungen, die jeder sich selber
im Verhältnis zu seinen natürlichen Anlagen abverlangt. Solange der Spieler
sich darauf beschränkt, von seinem Instrument zu erhalten, was es ihm
schlechthin gibt, sind Schwierigkeiten beinahe nicht vorhanden. Kein anderes
Instrument bietet so viele Möglichkeiten mit so einfachen Mitteln wie die
Gitarre. Die Schwingung einer ungegriffenen Saite ist eine Freude für das Ohr.
Ein Finger, der über die sechs Saiten gleitet, bringt ein kleines, sanft
leuchtendes und vertrautes Klangbündel hervor; durch Aufsetzen eines einzigen
Fingers auf eine Saite lassen sich verschiedene Harmonien bilden, und man erhält
mehrere Flageolett-Töne durch Berühren nur einer Saite. Imitationen und
ansprechende Effekte erzielt man mit kleinster Anstrengung ... Aber die Kunst ist nicht nur dies: Unser Ehrgeiz treibt uns
zur Eroberung umfassenderer Gebiete, und je mehr sich die Geistigkeit des Künstlers
festigt und verfeinert, desto größeren Widerstand setzt das Instrument
entgegen. Und schließlich ist die unvollkommene Ausführung einfacher oder natürlicher
Spielweisen keine Angelegenheit, die unser Gehör in großem Maße beleidigt.
Umgekehrt reicht jedoch die geringste Unvollkommenheit beim Vortrag von Werken
mit einer gewissen Bedeutung aus, um allen Zauber verfliegen zu lassen. |