Musikstudio Berger

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IV. PSYCHOLOGIE DES GITARRISTEN

Dieses Instrument, das den begeistert, der für seine Eigenschaften empfänglich ist, dessen Beherr­schung so viel Anstrengung kostet, das so viele Anhänger überall in der Welt zählt, erlernt man im allgemeinen auf die willkürlichste und regelloseste Weise.

Seine Handhabung ist einfach und eignet sich daher zur Begleitung von Gesang und von anderen Instrumenten. Weil es, sogar bei allerbescheidensten Vermögensverhältnissen, leicht zu erwerben ist, findet es sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle in den Händen von Leuten, die meinen, dass „das, was wenig kostet, auch wenig wert ist". Auf solche Weise ist die Gitarre in die Hände des Volkes gefal­len, was sein Gutes hat; aber auch in die des Pöbels, woran nichts Gutes ist.

Von daher kam der Verlust ihres Ansehens, man vergaß ihre guten Eigenschaften; ihre im Stich gelas­sene Technik verkam zur Routine. Angesichts ihres Misskredits und in Unkenntnis dessen, was mit einem so vollkommenen Instrument erreicht werden könne, vermied sie der gebildete Musiker. Sie wurde nur von denen beibehalten, die sie als Zeitvertreib oder zur Ablenkung benutzten und sie damit zu einer verächtlichen Tätigkeit verdammten.

Deshalb blieb sie vom musikalischen und künstlerischen Bereich abgesondert und wurde nur bei lärmen­den Vergnügungen und Gelagen zur sinnlichen Anregung benutzt, wodurch sie sich auf den beschei­densten musikalischen Ausdruck beschränkt sah. Kaum dass ihr andere Begleiter blieben als die Geige des Straßenmusikanten, die Bandurria, das Akkordeon und die Branntweinstimme eines fröhlichen Nachtschwärmers.

Gegen derartigen Misskredit, eine Mauer von entwürdigenden Vorurteilen und gegen die materiellen Folgen solcher Umstände haben alle diejenigen unverdrossen ankämpfen müssen, die der Pflege dieses Instruments die ganze Hingabe ihres Lebens widmeten. Bis vor kurzem ist der Gitarrist als sonderbarer Künstler angesehen worden, der mit großem Verdienst seinerseits überraschende Wirkungen erzielte. Im Allgemeinen wurde diesen aber geringe Bedeutung beigemessen, weil sie von einem Instrument herrührten, das man einer untergeordneten Kategorie zurechnete.

Es war erforderlich, dass es den hervorragendsten Gitarristen unserer Generation gelang, in der Weiter­führung des Impulses, der von dem großen TARREGA ausging, den Widerstand derartiger Vorurteile völlig zu besiegen. Dank der Begeisterung, des Talents, der Selbstlosigkeit und vor allem der außer­ordentlichen Fertigkeiten dieser Künstler - Berühmtheiten innerhalb der universellen, zeitgenössi­schen Kunst - hat die Gitarre in unseren Tagen ihr ganzes Ansehen wiedererlangen können. Dabei hat sie die Gunst und die Bewunderung der anspruchsvollsten Zuhörerschaften, Kritiker und Künstler aller Länder erhalten. Eine Tatsache, die für sich allein im Begriff ist, für die Geschichte unseres Instru­ments das kritische Stadium ihres höchsten Ruhms zu bilden.

Unter allen bekannten Instrumenten ist die Gitarre zweifellos dasjenige, das am meisten Leidenschaft erregt. Die Begeisterung ihrer Anhänger geht so weit, dass sie sich manchmal in Fanatismus verwan­delt. In solchen Fällen pflegt der Gitarrist zum Gitarromanen herunterzukommen: Er hört nur Gitarre, interessiert sich ausschließlich für die Gitarre und versteht auch keine andere Musik außer der Gitarrenmusik. Er erlernt sein Instrument, als wenn alle Musiken des Universums in ihm wären. Jeder beliebige Freund der Geige, des Cellos, des Klaviers oder eines anderen Instruments trachtet danach, musikalische Grundlagen vor seinem Instrument oder wenigstens zur gleichen Zeit zu ­erlernen. Der fanatische Gitarrist kehrt die Begriffe um: erst die Gitarre und hinterher, wenn Zeit und Lust übrig bleiben, die Musik.

Glücklicherweise ist die fortschreitende Erziehung dabei, die Dinge zu mildern, und in unserer Zeit neigt der Gitarrist dazu, seine Psychologie in vorteilhafter Weise zu verändern. Er erkennt, dass die Gitarre ein für die Musik geschaffenes Instrument ist und diese wiederum eine der erhabensten Aus­drucksformen menschlicher Geistigkeit darstellt. Deshalb ist er sich darüber im Klaren, dass es die eigene Musikalität ist, um die er sich am meisten zu sorgen hat.

Um ein guter Gitarrist zu sein, muss man - vor allem anderen - ein guter Musiker sein. Je vollständi­ger die musikalische Ausrüstung, desto besser. In der einfachsten Verwirklichung eines beliebigen Kunstwerks begegnet man in verdichteter Form allen Werten des Künstlers. Wer zur gestaltenden Virtuosität gelangen möchte, muss aber nicht nur viel von Musik verstehen, sondern er muss auch mit allen ästhetischen Schuleinrichtungen und Tendenzen vertraut sein, die seine Epoche kennt. „Die Aus­strahlung, die von einer Künstlerpersönlichkeit ausgeht" - sagt Joachim GHAIGNEAU – „ist die Folge tiefliegender Ursachen, die auf dem Grunde des eigenen Selbst zu suchen und zu pflegen sind."

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